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11.09.09
Kompetente Mahnung: So tief darf man nicht sinken

Kompetente Mahnung: So tief darf man nicht sinkenBerlin (mhr). Heinz Florian Oertels Band „Gott sei Dank. Schluss mit der Schwatzgesellschaft“ ist zum Bestseller geworden. Und nun „Pfui Teufel“. „Verdrängtes und Vergessenes“ – mit dem Untertitel hat Oertel natürlich sofort einen großen Teil einstiger DDR-Bürger auf seiner Seite, die es schlichtweg ärgert, wie in der Öffentlichkeit über notwendige Vergangenheitsaufarbeitung gesprochen wird.

Es durfte gelacht werden. Deshalb war man schließlich gekommen. „Man“? Der Münzenberg-Saal im Haus am Franz-Mehring-Platz hat 200 Plätze. Es wurden am Mittwochabend an die 300 Besucher gezählt. Also saßen sie auch auf Tischen am Rand, auf Fensterbrettern oder standen in den Türen. Wollten die volltönende Stimme jenes Reporters wieder mal hören, der ihnen einst mit vielen tausend Sendungen des DDR-Rundfunks oder -Fernsehens in die Wohnzimmer kam und den sie inzwischen auch als Buchautor mögen.

Heinz Florian Oertels Band „Gott sei Dank. Schluss mit der Schwatzgesellschaft“ ist zum Bestseller geworden. Und nun „Pfui Teufel“: „Wenn du Gott bemüht hast“, habe er sich gedacht, müsse er auch dessen Widerpart nennen. Dank für diesen, Pfui für jenen, wie's sich gehört. „Verdrängtes und Vergessenes“ – mit dem Untertitel hat Oertel natürlich sofort einen großen Teil einstiger DDR-Bürger auf seiner Seite, die es schlichtweg ärgert, wie in der Öffentlichkeit über notwendige Vergangenheitsaufarbeitung gesprochen wird und damit allein sie gemeint sind. Als ob, so der Autor, Geschichte seit 1933 nicht eine gesamtdeutsche sei, über die auf gleicher Augenhöhe zu reden wäre. Aber dazu müsste man „die Kittel der Kalten Krieger fallen lassen, ob es nun schwarze oder rote sind“. „Über die Brücken der Sachlichkeit zu ganz normaler Freundlichkeit gelangen. Denn jeder Mensch lebt nur einmal.“

Gefällt sich der Autor im Buch auch in bissiger Polemik, auf dem Podium erlebte man ihn liebenswürdig, ja geradezu altersweise. Philanthrop und Pazifist sei er, weshalb ihm Peter-Michael Diestels Bemerkung, man könne sein Buch in der Jagdtasche gut mit auf den Hochsitz nehmen, missfällt. „Was halten Sie von Rehlende?“, fragt der. „Bin aufgewachsen mit Pellkartoffeln und Quark“, bekommt er zur Antwort. – Wie gut es die beiden verstanden, sich gegenseitig die Bälle zuzuspielen, wie Diestel selbstbewusst mit Selbstironie glänzte, um Oertels Witz herauszufordern. Im Live-Auftritt geübt alle beide, genießen sie die Verbindung zum Publikum. Das will den Sportreporter erleben, auch wenn, so Diestel, der Sport im Buch nur zu einem Drittel vorkommt. Applaus also für Wolfgang Behrendt, als Boxer 1956 erster DDR-Olympiasieger, der an diesem Abend sogar anwesend war. Und Erinnerung an Waldemar Cierpinski, den Marathon-Sieger bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau. „Nennen Sie Ihren Sohn Waldemar!“, hatte Oertel damals begeistert ins Mikrofon gerufen – und wunderte sich nicht, als jetzt eine Frau aufstand und berichtete, eine Verwandte von ihr hätte das tatsächlich getan.

Solche Macht hat ein Sportjournalist. Aber, so Oertel, ihm sei immer klar gewesen: Wichtiger als er selbst sind die Sportler, die ihm sozusagen ihre Leistung schenken. Und dass er in so vielen Ländern seinen Beruf ausüben konnte, verdankt er den vielen, vielen Menschen, die das Geld dafür erarbeitet haben – auch den Leuten, die jetzt vor ihm sitzen. Sport: Etwas Unvergängliches und doch immer von der jeweiligen Gesellschaft geprägt. Doping? Das kam schon vor, als es noch keine DDR gab. Im übrigen sei Geld das schlimmste Dopingmittel, das es gibt. Peter-Michael Diestel, als CDU-Mitglied souverän auf dem ND-Podium („Dass ich überall anecke, ist eine besondere Form meiner Fortbewegung“), sprach schmerzhafte politische Konflikte an, wie den wachsenden Reichtum auf der einen und die sich vertiefende Armut auf der anderen Seite oder den Krieg in Afghanistan. Oertel: Nichts gegen Reichtum, in gewisser Weise habe jeder ein Recht darauf, und man dürfe ihn nicht nur materiell verstehen. Aber Geld muss mit Arbeitsleistung zusammenhängen, wirklich verdient sein.

Was den Krieg betrifft: „Wir alle hier im Saal tragen Verantwortung für die Toten am Hindukusch, weil wir die Verantwortlichen in diese Position gewählt haben“, sagte Diestel und provozierte vernehmliches Murren im Saal. (Wie kann man auch ND-Lesern vorwerfen, sie hätten die derzeitige Regierung gewählt.) „57 Prozent der Bevölkerung sind gegen Kriegsbeteiligung“, betonte Oertel, „es wird gegen das Volk regiert. 40 Milliarden werden jährlich für Rüstung ausgegeben, Deutschland steht an dritter Stelle der Waffenproduzenten in der Welt. Ich schäme mich für diese Bronzemedaille.“

Da hatte er wieder Lacher und Applaus auf seiner Seite. Und ich dachte bei mir: Dass die tollsten politischen Debatten über die brennendsten Probleme der Gegenwart im ND nicht immer vor einem so vollen Saal stattfinden, liegt am bitteren Ernst (den auch manchmal unsere Zeitung ausstrahlt). Doch die Leute wollen nicht nur zum Nachdenken animiert, sondern zudem in ihrem Gefühl ergriffen und dabei nicht in Bitternis gedrängt sein. Allein für den simplen Satz „Ich hatte ein gutes, langes Leben“ kam Oertel Dankbarkeit entgegen. Literarisch habe ich an seinem Buch manches zu bemängeln, aber er hat ein Gespür für sein Publikum. Deshalb wird ihm Erfolg sicher sein, nicht nur bei Lesern des ND.

Peter-Michael Diestel sah es nicht als leeres Kompliment, als er sagte: „Vor der Bundestagswahl so viele politisch interessierte Leute zusammenzubringen, das gelingt Steinmeier nicht und auch nicht der Bundesvorsitzenden meiner Partei.“ Und dass diese Leute dann auch noch froh und bestärkt nach Hause gingen, dafür sorgte Heinz Florian Oertel. Zum Abschied zitierte er ihnen Erich Kästner: „Was auch immer geschieht,/ nie dürft ihr so tief sinken,/ von dem Kakao durch den man euch zieht,/ auch noch zu trinken!“

Dieser Beitrag von Irmtraud Gutschke haben wir mit freundlicher Genehmigung der Tageszeitung Neues Deutschland übernommen. Das Buch: Heinz Florian Oertel: Pfui Teufel. Über Verdrängtes und Vergessenes. Das Neue Berlin. 138 S. gibts im gut sortierten Buchhandel für 9,90 Euro.

Foto: TDO/Falk Bittner - Heinz Florian Oertel (Mitte hinten) bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Chemnitz an Eiskunstlauftrainerin Jutta Müller (Mitte, mit Blumen) anlässlich deren 80. Geburtstages. Mit dabei die ehemaligen Schützlinge der Erfolgstrainerin: Jan Hoffmann, Gaby Seyfert, Katarina Witt und Anett Pötzsch-Rauschenbach (v.l.n.r.) sowie die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (mit Amtskette).
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